Am falschen Ort

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Buch / Die Wörter und die Dinge

 “Im Literaturbetrieb werden Frauen benachteiligt”, behauptet Dana Buchzik in der WELT und fordert einen #aufschrei. Dann schreie ich mal mit. Aber aus anderen Gründen.

tl;dr: Der Literaturbetrieb ist sexistisch? Die sozialen Netzwerke sind noch viel beschissener!

Vor einem Jahr debütierte ich mit meinem Roman Brandstatt. Es ist die bislang frustrierendste Erfahrung meines Lebens. Ich könnte es mir jetzt einfach machen und Dana Buchzik in allem zustimmen, was sie über die maskulinistischen Mechanismen des Literaturbetriebs schreibt. Aber so einfach ist es nicht. Ich fühle mich nicht gut dabei, ihr zu widersprechen, denn als Feministin – wie könnte man als Frau in dieser Welt keine Feministin sein? – sollte man jede Gelegenheit nutzen, um die Fäuste zu ballen. Und meine Fäuste sind geballt. Nur schlagen sie in eine andere Richtung.

Ich bin seit meinem sechzehnten Lebensjahr in literaturaffinen Kreisen unterwegs, und bis auf einen unverlangten Kuss von Robert Menasse, habe ich keinerlei übergriffige Erfahrungen gemacht. (Den Kuss konnte ich damals noch als Kompliment auffassen.) Wenn Sexismus aber auch bedeutet, nicht ernst genommen zu werden, dann gebe ich Dana Buchzik absolut recht. Nur: Geht es jungen männlichen Autoren nicht genauso? Wenn man anfängt mit schreiben, nimmt einen überhaupt niemand ernst, geschlechtsunabhängig. In jungen Jahren habe ich mal einen Poetry-Slam gewonnen, aber meine erste Zeile Prosa war der erste Satz meines Debüts. Da war ich 28 Jahre alt. Davor hatte ich bereits viel Kontakt zu Autoren und Literaturbetriebsangehörigen. Ich habe einige Jahre fürs Literarische Colloquium Berlin gearbeitet und dort vor allem die Erfahrung gemacht, dass der deutsche Literaturbetrieb ziemlich dröge und unglamourös ist und dass es weniger um die Autoren, denn um den Selbsterhalt des Betriebes, um Pöstchen etc. geht. Aber wen mag das wundern?

Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass es einem nicht viel nützt, halbwegs jung und halbwegs attraktiv zu sein, um in der Szene durchzustarten. Das klingt schrecklich eitel, aber so ist es nun mal. Daher ist auch das Argument von Dana Buchzik, dass man “langhaarig und idealgewichtig” sein muss, um in der E-Literatur” geduldet zu werden, sicher das unzutreffendste. Denn, Hand aufs Herz, auf welche der vom Feuilleton und den Preisjurys gehätschelten deutschen Autorinnen trifft das zu? Ich möchte niemanden verletzten und nenne daher keine Namen, außer den der fürchterlichen Lewitscharoff, die ja wohl von einer eher spröden Schönheit ist. Vielleicht trifft es für den angelsächsischen Sprachraum zu, dass gutaussehende Autorinnen die vorderen Ranglisten bespielen. Das wäre für mich aber kein Beweis für Sexismus, sondern eher für Fortschrittlichkeit. Denn in diesem miefigen Deutschland wird hübschen, gar mädchenhaften Frauen Intellektualität kaum zugetraut, und wenn, dann immer mit dem Hinweis auf das attraktive Äußere, so als würde sich beides widersprechen. (In der Politik ist es nicht anders, Marina Weisband wird auf ewig die “schöne Piratin” bleiben.) In irgendeinem gehässigen Blogpost zu meinem Buch war dann auch von meinen blonden Haaren die Rede. By the way: Noch nie hat eine blonde Frau den Bachmann-Preis gewonnen. Vielleicht ist der Literaturbetrieb überhaupt eine der letzten Refugien, wo man als alternde, ergrauende Frau noch wahrgenommen wird. Ich kann also noch hoffen.

Bevor ich gleich den Höllenschlund meines gekränkten Herzens öffne, muss ich Dana Buchzik noch in einem Punkt zustimmen: “Wenn Frauen über Liebe schreiben, platzieren Kritiker sie in die Kitschecke, bei Männern gilt das als besonders einfühlsam.” Diese Erfahrung musste ich beim Bachmann-Preis machen. Dort wurde mir vorgeworfen, letztlich nicht mehr als eine gescheiterte Liebesbeziehung präsentiert zu haben. (Davon handelt Literatur zuweilen.) Nun ranken sich viele Mythen um die Verisskultur beim Bachmann-Preis. Ästhetische Gründe kann man gleich ausschließen, dafür wird dort objektiv zuviel Mist gelobt. Außerdem hatte Burkhard Spinnen, der zuvor allerlei Unsinn* über meinen Text dozierte, ihn schließlich zum “souveränsten Text bisher” gekürt. Nach dem niederschmetternden Jury-Urteil war die Ratlosigkeit bei mir und meiner Entourage groß. Aber von Anfang an gab es gleich mehrere Stimmen, übrigens nicht nur von Frauen, die behaupteten, gerade den Männern in der Jury sei der Text komplett gegen den Strich gegangen, schließlich trennt sich in der Geschichte eine Frau nach langem Kampf von einem hyperpotenten Intellektuellen. Einem der Jury-Mitglieder sei dies just kurz vor dem Wettbewerb widerfahren. Das klingt für mich nach wie vor wie Küchenpsychologie, aber vielleicht ist es ja alles so banal. Es ist auch eine leicht verquere Logik, von Kunst zu verlangen, dass sie berührt, dann aber mit gehässiger Abwehr zu reagieren, wenn sie womöglich ins Mark trifft. Meine Mutter hat hinterher gesagt, als sie die Männer in der Jury gesehen hat, war ihr klar, dass ich mit meinem Text durchfallen würde. Dass die Frauen den Männern widersprechen würden, habe sie nicht erwartet. Ich habe ungefähr zehn Mails von Frauen bekommen, die ähnliches gedacht haben. Sehr treffend hat es Katiza auf den Punkt gebracht:

Die Männer in der Jury reagierten verletzt, unmutig und ein wenig ungeduldig wie der Mann in der Erzählung. Sie machten sich an Details fest vom Segeln. „Wie immer, wenn er sprach, war es, als zitierte er Wörter und Wendungen, die er irgendwann in einem langen Repetitorium auswendig gelernt haben musste. Doch mir wurden seine Worte fremd.“ Männer wie Leo.

Es war sicher der falsche Text am falschen Ort.

Ich schreibe diesen Beitrag aber aus einem anderen Grund. Ich schreibe ihn auch, weil ich nicht zu denen gehöre, mit denen Dana Buchzik “für diesen Artikel über ihre Erfahrungen gesprochen hat”. Dabei wäre es für sie ein Leichtes gewesen. Dazu muss man wissen, dass Dana und ich uns schon viele Jahre kennen, wir haben uns einige Zeit sehr vertraute Mails geschrieben, da wir beide ein Leiden teilen (das nichts mit der Literatur zu tun hat). Inzwischen ist Dana eine irrsinnig gute Literaturkritikerin geworden. Ich glaube, ihre Stimme hat bereits jetzt Gewicht. Dass ich mich trotz unserer Bekanntschaft von ihr als Autorin ignoriert fühle, kann man mir als Überempfindlichkeit auslegen, aber es offenbart auch etwas Symptomatisches für die Sozialen Netzwerke. Von den Sozialen Netzwerke kann man heftiger enttäuscht werden, als man es vom Literaturbetrieb je sein könnte. Nein, ich habe nicht erwartet, dass Dana mein Buch bespricht. Aber ich hätte schon gedacht, dass sie bei mir anfragt, wenn sie über ein derartiges Thema schreibt. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sie über die aktuelle Literaturlandschaft schreibt und dazu auch mit Autoren gesprochen hat. Wir sind doch nur einen Klick bei Facebook entfernt. Aber wie ich inzwischen weiß, kann das zugleich die größte Distanz zwischen zwei Menschen ausmachen. Die “digitale Kränkung” über die Sascha Lobo im Zuge des NSA-Skandals geschrieben hat, deute ich um als Knacken des Selbstwertgefühls, wenn man spürt, dass man kaum wahrgenommen wird. Oder besser: Wenn man spürt, dass einen die Community hängen lässt.

So wie es bei mir nach dem Bachmann-Preis und noch viel schmerzlicher, nach der Roman-Veröffentlichung war. Zur Bekanntgabe meiner Bachmann-Preis-Nominierung hatte ich aufgrund des großen Feedbacks das trügerische Gefühl, den vollen digitalen Support zu haben. Nach der Vernichtung durch die Jury brach plötzlich eine dröhnende Stille herein. Christiane Frohmann sprach gar von einer “digitalen Grabesstille”. Es gab zwar Schützenhilfe, aber bezeichnenderweise nicht von sog. “Freunden”, sondern von Leuten, mit denen ich bis dato kaum Kontakt hatte. Eine der Elite-Twittererinnen hatte direkt nach der Lesung gepostet Wir lieben dich alle, nur um es einige Stunden später wieder zu löschen. Nach dem Erscheinen des Buches gab es einige positive Posts, also öffentliche Anerkennung. Aber weitaus mehr Lob habe ich hinter den Kulissen bekommen: Mails, Direct Messages, Chat-Nachrichten. Eine der bekanntesten deutschen Twittererinnen hat mir eine begeisterte Mail geschrieben. Zu einem Tweet konnte sie sich nicht durchringen. Es ist ein ganz eigentümliches Verhalten, das Lob nur zu flüstern, damit es ja niemand hört. Jeder weiß, dass Aufmerksamkeit die digitale Währung ist. Aber die wird nicht jedem gegönnt. Schon gar nicht, wenn man sog. E-Literatur schreibt. Es gibt nicht wenige Twitterer, die Unterhaltungsliteratur schreiben und offenkundig davon leben können. Wenn also mal wieder ein Komik-Buch erscheint, ist auf Twitter der Teufel los. Da rauschen die Empfehlungstweets im Sekundentakt durch die Timeline. Ich suche ja immer noch schmerzlösenden Erklärungen für diese Tatsachen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die U-Bücher zumeist als Paperback erscheinen und man leichtfertiger 8.99 €, als – wie in meinem Fall – 18,95 € hinblättert. Nun.

Was hat mein Lamento noch mit dem Sexismus-Vorwurf an den Literaturbetrieb zu tun? Man kann die Sozialen Netzwerke sicher als eine Verlängerung des Betriebs sehen. Bloggen, twittern, FB-Postings, all das erzeugt auch eine Öffentlichkeit, also Wahrnehmung. Sicher nicht mit der Reichweite der Longlist des Deutschen Buchpreises, deren Zusammenstellung Dana Buchzik zuungunsten von Autorinnen beklagt. Aber man macht es sich einfach, wenn man allein dem Betrieb den Schwarzen Peter zuschiebt und die Sexismus-Keule schwingt, obwohl man es selbst an der so oft eingeforderten (weiblichen) Solidarität mangeln lässt. Man bräuchte keine Quote, wenn man einfach auf bestehende Netzwerke zurückgreifen würde. Ich bin mir im Klaren, dass das alles höchst subjektiv ist und dass ich auf hohem Niveau maule. Immerhin hat C.H. Beck mein Buch verlegt, das zumeist positiv besprochen und mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet wurde. Daher fühle ich mich auch weniger vom Literaturbetrieb verletzt, als vom Netz, das ich als meine zweite Heimat begreife. Ich habe nicht erwartet, im Netz gefeiert zu werden. Aber dass selbst Blogger, denen ich mich seit Jahren verbunden fühle, stumm geblieben sind, hat einen kleinen Riss in der Seele verursacht. Vielleicht ist es die Prophet-im-eigenen-Land-Problematik. Vielleicht liegt’s am Buch. Vielleicht an mir. Sicher bin ich zu dünnhäutig. Und wer mir jetzt vorwirft, ich sei in meiner Eitelkeit gekränkt, hat sicher noch keine Zeile Literatur verfasst.

Sehr viele Leute, die ins Netz schreiben, haben auch einen Roman in der Schublade. Und letztlich handelt es sich bei Literatur um Business, und jeder muss zusehen, wo er bleibt. Das ernüchternde Fazit lautet also: Im Literaturbetrieb mag es Sexismus und Männerbünde geben, aber in den Sozialen Netzwerken herrscht mitunter eine spezifische Missgunst, die mindestens genauso beschissen ist. Wie soll man es denn auf die Longlist schaffen, liebe Dana, wenn man es nicht mal in die Timeline schafft?

 * So behauptete Burkhard Spinnen in Hinblick auf meinen Text, es gäbe keine Gaffeltakelung an Jollen. Gibt es aber doch! Spinnen mag ein rhetorischer Starkwindsegler sein, aber vom Segeln versteht er offenbar nichts. Das will ich seit einem Jahr klarstellen. So!