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Werder an der Havel
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The iPhonetic Archives
2012


“Poetic justice will forever be”

With algorithms subtle and discrete/
I seek iambic writings to retweet.

Reime machen glücklich. Dazu ein schlichtes Versmaß, und schon beginne ich innerlich zu swingen. Als mir neulich der Pentametron in die Timeline gespült wurde, sind mir vor Begeisterung glatt die Shakespeare Sonette aus der Hand gerutscht. Das Prinzip ist so simple und der Effekt so großartig: Hier werden einfach zwei völlig zusammenhanglose und mitunter sinnfreie Tweets via Retweet zu einem jambischen Zweizeiler verknüpft.

I am excited for the game tonight/
Oh.. Oh… Okay. Alright. Okay. Alright.

Besonders schön ist es, wenn Belanglosigkeiten mit Substanz kollidieren.

Still mad the ravens won the superbowl/
Dance is the hidden language of the soul.

So entsteht ein unendlicher Fluss, kaum zu fassen, denn das Ganze rauscht ohne Unterlass. Für den vollendeten Jambus-Genuss gibt es die gesammelten Verse hier schwarz auf weiß. Und wenn man mal wieder jemandem erklären muss, was dieses Twitter soll, dann kann man das hier rezitieren:

ALFREDO FUCKING FLORES NOTICED ME/
Poetic justice will forever be.


God bless you

Zum 80. Geburtstag von Philip Roth.

bw


2012 forever

Ich mag keine Rückblicke, aber ich mochte das Jahr 2012. Sehr.

Zum ersten Mal gemacht? Kind bekommen, Mann geheiratet, Buch vollendet.

Buch vollendet? Habe es während der Hochzeitsvorbereitungen und mit zahnendem Nörgel-Baby für die Messe startklar gemacht.

Und? Sieht gut aus. Demnächst mehr dazu.

Der schlimmste Satz? “Der Muttermund ist noch immer kaum geöffnet. Das kann noch sechs Stunden dauern!” So die Hebamme, nachdem ich schon fünf Stunden gelitten hatte und mich am Ende meiner Kräfte wähnte. Es dauert dann nochmals sieben Stunden.

Der schönste Satz? “Meine Schicht geht bis 14 Uhr und diese Geburt erlebe ich noch!” Die gleiche Hebamme gegen 13.30 Uhr, als ich nicht mehr konnte und wollte. Wenig später war das Baby da.

Mamousch

Mamousch

Der unwirklichste Moment? Das Schreien des Babys – als es noch gar nicht fertig geschlüpft war. Ich dachte, die Hebamme hat eine Audio-Aufnahme eingeschaltet, um mich zu motivieren. Aber dann sagte sie: “Das ist Ihr Baby!”

Das schönste Geräusch? Das energische Schreien unseres Winzlings, nachdem er geboren und vermessen wurde. Seither wissen wir, dass er ein Anführer wird.

Die frustrierendste Erfahrung? Stillen. Und der Terror der Still-Diktatur. Zum Glück hatte ich eine der wenigen unesoterischen, pragmatischen Hebammen, die nach über zwei Wochen Still-Krampf und hungerndem Baby grünes Licht fürs Fläschchen gab. Aber das unbarmherzige Still-System mit seinen fundamentalistischen Laktations-Beraterinnen kriegt noch sein Fett in einem Extra-Beitrag weg.

Die beste Entscheidung? Unser Junges mit dem Fläschchen groß zu ziehen. Und somit nicht nur ein sattes, sondern vor allem ein durchschlafendes Löwenbaby zu haben.

Die besten Anschaffungen? Volvo und Manduca. Ohne Letztere wäre ich vermutlich ein Wrack, da sich Henry vom ersten Lebenstag an nicht ablegen ließ ohne zermürbendes Schreiattentat. Zum Schlafen tolerierte er nur sein Bettchen. Anfangs auch noch den Wagen, aber damit war bereits ab dem 3. Monat Schluss. Wiege, Couch oder Krabbeldecke hat der Kleine ebenso verflucht. Doch sobald er die Manduca gesehen hat, fing er an zu strahlen. Also habe ich ihn vom 3. bis zum 7. Monat ausschließlich und überallhin getragen. Und wir beide haben es geliebt. Sobald er in seinem Känguru-Säckchen saß, hat er eine Weile neugierig umher geblickt, bis ihm schließlich erst die Äuglein zufielen und dann sein Köpfchen auf mein Brustbein niedersank. So konnte man ihn stundenlang durch die Gegend tragen. Nur sobald man auch nur einen sekundenkurzen Augenblick stehen bieb, hat das Kerlchen sofort protestiert. Seit er sitzen kann, akzeptiert er auch den Wagen wieder. Wie überhaupt die Welt. Ich trage ihn nur noch selten, da aus unserem Geburtsfliegengewicht ein 10-Kilo-Prachtbursche geworden ist. Ich habe inzwischen ein Kreuz wie eine ostdeutsche Doping-Schwimmerin. Das ich auch nach wie vor brauche, da Henry Wickeln und Anziehen leidenschaftlich gerne zum Kräftemessen nutzt.

Meine Jungs

Meine Jungs

Die verwegenste Idee? Gleich noch ein Kind. Haben wir schließlich mit Rücksicht auf meine Weltkarriere Nerven erstmal vertagt.

Der Tweet des Jahres? Stammt von @Mackielsky: Meine Lieblingsrache ist glücklich sein. 

Das vorherrschende Gefühl? Dass mir gleich das Herz platzt vor Liebe, Stolz und Staunen.


Shadow Me

Shadow me

Selbstportrait
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The iPhonetic Archives
2012


Mann und Frau

Unsere Ehe wurde nicht im Himmel geschlossen, sondern im Internet.

Ich habe also meinen Nerd geheiratet. Beinah spontan, fast heimlich, mit einem mehr geflüsterten Ja. Auf dem Leib ein Kleidchen von Topshop, um den Hals eine Herzchenkette von Six, im Haar eine Spange von H&M und später am rechten Ringfinger einen Ring von Heidenreich, in dem unsere Namen, die sich zu einem verschmelzen lassen, gestempelt sind. Ich war meinem Mann eine schöne Braut und ich hatte wiederum den schönsten Bräutigam der Welt. Mama sagte (anerkennend), er sähe aus wie Johnny Depp. Worüber ich ein wenig die Nase rümpfte, weil ich den eigentlich zu zerzaust finde. Aber mit dem, was sie meinte, hatte sie recht.

Hochzeitsmorgen 5. Oktober 2012

Hochzeitsmorgen 5. Oktober 2012

Nach der Trauung im Standesamt Mitte, einem kaiserzeitlichen Ungetüm mit langen Fluren, auf denen es sich filmreif Arm in Arm zum Trauzimmer schreiten ließe, hätte man kein Baby im Wagen zu schieben, das kurz vor der Trauung noch gefüttert werden möchte, aß die kleine Hochzeitsgesellschaft, bestehend aus unserer Kernfamilie, in der schmucken Villa Tomasa, um sich gegen Abend im 50qm-Dachgeschoss unserer Maisonette zu einem Buffet zu versammeln. Kein Tanz, keine Reden, keine Spiele, auch keine Tränen, aber alles so, wie wir es uns gewünscht haben. (Während der Trauung trieben mir ein paar Tränen gen Lidrand, wo sie verharrten. Kullernde Tränen der Rührung gab es erst am anderen Morgen, als wir das erste untere Schneidezähnchen bei unserem Baby entdeckten.)

Standesamt Mitte/Sinnbild Ehe

Standesamt Mitte/Sinnbild Ehe

Ich habe mich immer vor diesem Tag gefürchtet. Jahre bevor er jemals hätte wahr werden können. Wie sollte man auch heiraten mit einem friedlosen Anhang und einem schwachen Nervenkostüm? Aber die Zeit hat lange vor diesem wirklichen Tag sehr vieles richtig und zum Guten gefügt.

Er und ich, wir kommen von verschiedenen Planeten aus verschiedenen Zeitaltern. Ich kann meine inneren Kampfplätze nicht befrieden, er ist selbst für einen Nerd sehr speziell. Aber wir sind vollständigere Menschen miteinander. Wir brauchen nicht viel Ablenkung, wir können uns ohne Sensationen ertragen. Jede Geste ist Zärtlichkeit. Wir achten aufeinander. Wir wissen, dass Liebe auch ganz anders sein kann. Ein zermürbender Kampf, ein aussichtsloses Leiden, ein verzweifelter Exzess, der Romane füllt und Theorien befeuert. Das wollten wir nicht mehr, als wir uns vor zweieinhalb Jahren begegneten, wortlos gegenüberstanden und zwei Wochen später zusammengezogen sind. Unsere Initialen ergeben JA. Mehr kann man vom Leben nicht erwarten.

"Janousch"

“Janousch”


Eins plus eins ist drei

So, Baby schläft! Wie immer zur Zeit nach einem Kampf mit der Müdigkeit und dem Bettchen-Inventar. Auf dem Arm noch friedlich, wirft sich das Kerlchen im Bett hin und her, dreht sich halb um, strampelt wild und greift mit seinen kleinen Fingerchen alles, was sie zu fassen bekommen: Schnuller, Plüsch-Elefant, Seidentüchlein und wirft es durch die Gegend. Begleitet von Schläfrigkeitsgemecker und Zorngebrabbel. Ab und zu streicheln Mamas und Papas Hände besänftigend über Wangen und Köpfchen, flüstern tröstende Worte und irgendwann fallen die Äuglein dann doch zu und da liegt das Kindchen bereits schräg im Bett. Unfassbar wie schnell die Zeit vergangen ist von den ersten Wochen, in denen das hilflose Würmchen nur auf der elterlichen Brust eingeschlafen ist bis jetzt, wo der kleine Wildfang solch ein abendliches Spektakel veranstaltet.

Henry Flynn - drei Tage alt

Henry Flynn – drei Tage alt

Über vier Monate schon mit Baby-Boy, der am 2. April 2012, um 13.43 Uhr mit dem Köpfchen voran in die Welt geschlüpft ist. Und aus unserem superzarten Minibaby (47 cm, 3100 g) ist inzwischen ein richtiger Prachtjunge geworden (64 cm und ziemlich propper). Fast vergessen sind die martialischen Elendsqualen der Geburt. Vierzehn Stunden Wehen, ein unvergleichlicher Höllenritt, während dessen ich die Natur verflucht und mich gegen Gott versündigt bzw. mich mit ihm verbündet habe, so genau kann ich das nicht mehr sagen. Der Liebste hat das Ganze stoisch (und tapfer!) ertragen und inzwischen ist die zerdrückte Hand auch wieder heil. Immerhin war es laut Aussage der Hebamme eine völlig komplikationslose Geburt und angesichts der gehäuften PDAs und Kaiserschnitte wohl noch eine nach alter Schule (sogar mit dem etwas aus der Mode gekommenen, grausamen Kristeller-Handgriff wegen drohender Erschöpfung).

Aber am Ende vom Schmerz steht der Anfang neuen Lebens – und Liebens, was besonders einfach ist, wenn man “das schönste Baby auf der ganzen Welt” (O-Ton Papa) in die Arme gelegt bekommt. Als mir die Hebamme den laut schreienden Frischling gereicht hat, war mein erster Gedanke: Er ist vollkommen. – Ja, das ist er.

Gestern hat er sich zum ersten Mal alleine vom Rücken auf den Bauch gedreht – und niemand hats gesehen. Als wir ins Zimmer zurück kamen, lag der Kleine bäuchlings fluchend auf der Krabbeldecke, mit den Ärmchen rudernd und wohl ein bisschen überrascht von seiner Kraft. Mit einem Baby befindet man sich neben dem Nervenkrieg vor allem in einem Taumel der Verzückung. Niedlichkeit ist eine starke, unwiderstehliche Macht. Als Twitter-Eltern kommen wir aus dem Hachen gar nicht mehr raus.

Henry in Bauchlage


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