Als ich vorgestern Nacht schlaflos über mein iPhone strich, las ich auf Twitter vom Tod Steve Jobs und war erschrocken, so wie ich es immer bin, wenn derlei Nachrichten eintreffen. Es war damit zu rechnen, aber das Ableben eines Menschen hat doch immer etwas Jähes und jeder Tod stellt zumindest für einen Moment das eigene Leben in Frage.
Es glitten die ersten Trauerbekundungen über die Timeline und natürlich auch die ersten dämlichen Kommentare von den unvermeidlichen Anwärtern auf einen imaginären Coolness-Award. Am nächsten Tag war Steve Jobs logischerweise Top-Thema, was die einen als selbstverständlich hinnahmen, was aber andere schier nicht fassen konnten. Und das hängt mit den hungernden Kindern in Afrika, verlassenen Omas in Altersheimen, dem faschistoiden Weltkonzern Apple und einem unbekannten Nobelpreisträger zusammen.
Ich gehe bewusst gar nicht weiter auf die Tweets der arschcoolen Zyniker ein, die vermutlich aus Gründen der Psychohygiene gar nicht anders können, als misanthropisch doof zu sein. Mir geht es um die Kulturpessimisten, die sich immer beleidigt fühlen, wenn ein Popstar (zumal aus Amerika!) weltweit betrauert wird.
Gregor Keuschnig zum Beispiel retweetete @Quasselette: Bevor ihr alle rumtrauert wegen eines Euch unbekannten Milliardärs, geht lieber mal Eure Oma im Altersheim besuchen. Das ist ungefähr auf einem Niveau mit der Klage über den Hunger in Afrika, die einem immer in den gesättigten Bauch gerammt wird, wenn ein Popkulturprodukt übermäßig Aufmerksamkeit verschlingt. Leuten wie Quasselette möchte ich zurufen: Man kann auch mit iPhone, besser noch iPad, die altersschwache Oma besuchen und ihr auf dem leuchtenden Display Bilder von der Welt zeigen, die ihr sonst abhanden zu kommen droht!
Daneben gibt es die politische Fraktion, die daran verzweifelt, dass so viele dem milliardenschweren Guru einer rücksichtslosen Firma die letzte Ehre erweisen. Was ich mit diesem Tweet beantwortete: An alle Zukurzgekommenen: Nein, Apple ist nicht die Wohlfahrt, aber ihr seid es auch nicht! Zugegeben, dieser Tweet dient ebenso wenig dazu, Niveau und Stimmung der Diskussion zu heben. Aber die Vorstellung, man sei moralisch überlegen, nur weil man kein Milliardär ist, oder ein Milliardär habe es nicht verdient, betrauert zu werden, ist doch irgendwie 10.-Klasse-Che-Guevara-Kreis-Denken.
Dieser Stream führte letztlich dazu, dass ich mich mit Gregor Keuschnig (den ich schätze und schon lange kenne) überwarf, bzw. er sich mit mir, denn wie ich sehe, hat er mich für meine Aufforderung, dass die Bauchspeicheldrüsenkrebs-Komiker einfach ihre pietätlosen Fressen halten sollen, entfolgt. Es hängt wohl damit zusammen, dass er ein aufrechter Vertreter des Guten, Wahren, Schönen ist, ein echter Feingeist, Homme de Lettre und so.
Und die verstehen nicht recht, dass ein Computer auch ein Kulturprodukt ist und ihre Erfinder (bzw. Vermarkter) ebenso am Mythos arbeiten, wie Schriftsteller und andere Künstler. Ich verstehe wiederum nicht, wie man einen Menschen bzw. die Trauer um ihn verächtlich machen kann, der mit seinen Innovationen dafür gesorgt hat, dass Kunst heute mehr denn je konsumierbar ist und produziert wird. Viele vergessen, dass Jobs nicht nur die schicken i-Gerätschaften entwickelt (bzw. vermarktet) hat, sondern (mit Wozniak, klar, vor allem der!) den Heimcomputer für uns alle handhabbar gemacht hat. Und was wären wir Twitterer und Blogger denn ohne diese Artefakte? Einsame Kultur-Rezipienten ohne Publikum vor klappernder Schreibmaschine.
Noch verzweifelter ist nur der von mir geschätzte Sebastian Baumer, der auf seinem Tumblelog arg bedauert, dass alle Welt den iGod beweint, aber kaum einer den diesjährigen Nobelpreisträger bejubelt. Dieses Gegeneinander-Aufwiegen führt doch nur zu Unglück. Vielmehr sollte man sich freuen, dass der schwedische, alte Dichter jetzt noch einen späten Ruhm erfährt, den viele Twitter-Dichter (und es gibt geradezu geniale) vielleicht nie erfahren werden, aber immerhin via moderner Technik womöglich mehr Verbreitung finden als bisher ihr skandinavischer Kollege.