„regenicht“

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Extrem zart und unendlich sanft

Wenn feinste Tröpfchen die Welt spinnwebsartig benetzen und die Farben des Laubes und aller Dinge aus den Nuancen des Taubengraus herausschimmern, dann dämmert mir aus der Erinnerung die Formulierung: „Es ist ein regenichter Tag.“

Alle sehr fernen Erinnerungen sind Erinnerungen an Literatur (was ist schon das bisschen Leben dagegen?) und mir wollte sowieso partout nicht einfallen, dieses seltsam schöne Wort „regenicht“ schon mal aus Menschenmund gehört zu haben. Folglich googelte ich.

Die Ausbeute war ähnlich spärlich wie Ausgrabungsfunde extraterrestrischer Besiedelung auf der Erde.
Wir haben es also bei dem Wörtchen „regenicht“ mit einer linguistischen Kostbarkeit zu tun. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie an (zumindest) einer Stelle im Hauptwerk des literarischen Wunderkindes Luther auftaucht. Allerdings muss man die Bibel-Ausgabe Letzter Hand von 1545 bemühen, um auf das Wort-Juwel zu stoßen.

Im Buch Esra Kap. 10, 13 geht es um das biblische Dauerthema xenophobische Verstrickungen.
Diesmal zogen die bedauernswerten Kinder Gottes den Zorn ihres Vaters wegen dem auf sich, was bei Youporn unter „interracial“ subsumiert wird. Und als sie von einem drohenden Priester zu Abbitte genötigt wurden, hat nicht mal das Wetter mitgespielt. Luther übersetzt: „Aber des volcks ist viel / vnd regenicht wetter / vnd kan nicht haussen stehen / So ists auch nicht eines oder zweier tage werck / Denn wir habens viel gemacht solcher vbertrettung.“
(In der Ausgabe von 1912 hat sich ein Korrektor von den Moden der Zeit hinreißen lassen, und unser Zauberwörtchen durch ein nüchternes „Regenzeit“ ersetzt.)

Für alle, die noch mitlesen und -fiebern sei erwähnt, dass die ganze Geschichte für altisraelische Verhältnisse glimpflich ausging. –

Und wem meine obige Definition des Begriffs zu poetisierend-verkitscht war, dem sei die regenicht-Umschreibung aus A Dictionary English, German and French, containing not only the English Words in their alphabetical order (and so on) von Christian Ludovici und Johann Bartholomäus Rogler ans Herz gelegt.

Zum Schluß noch ein Trost für jene, die regelmäßig an den Widrigkeiten des Wetters verzweifeln: Das alles war schon immer so. Im Kompendium Erläuterte Merkwürdigkeiten der Natur: nach denen Grund-Sätzen derer neuesten Physicorum von Michael Christoph Hanov, heißt es: „Zuweilen hat man regenicht Wetter gehabt, obgleich das Quecksilber ganz nahe an seiner grössesten Höhe gewesen“.

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