Am falschen Ort

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Buch / Die Wörter und die Dinge

 „Im Literaturbetrieb werden Frauen benachteiligt“, behauptet Dana Buchzik in der WELT und fordert einen #aufschrei. Dann schreie ich mal mit. Aber aus anderen Gründen.

tl;dr: Der Literaturbetrieb ist sexistisch? Die sozialen Netzwerke sind noch viel beschissener!

Vor einem Jahr debütierte ich mit meinem Roman Brandstatt. Es ist die bislang frustrierendste Erfahrung meines Lebens. Ich könnte es mir jetzt einfach machen und Dana Buchzik in allem zustimmen, was sie über die maskulinistischen Mechanismen des Literaturbetriebs schreibt. Aber so einfach ist es nicht. Ich fühle mich nicht gut dabei, ihr zu widersprechen, denn als Feministin – wie könnte man als Frau in dieser Welt keine Feministin sein? – sollte man jede Gelegenheit nutzen, um die Fäuste zu ballen. Und meine Fäuste sind geballt. Nur schlagen sie in eine andere Richtung.

Ich bin seit meinem sechzehnten Lebensjahr in literaturaffinen Kreisen unterwegs, und bis auf einen unverlangten Kuss von Robert Menasse, habe ich keinerlei übergriffige Erfahrungen gemacht. (Den Kuss konnte ich damals noch als Kompliment auffassen.) Wenn Sexismus aber auch bedeutet, nicht ernst genommen zu werden, dann gebe ich Dana Buchzik absolut recht. Nur: Geht es jungen männlichen Autoren nicht genauso? Wenn man anfängt mit schreiben, nimmt einen überhaupt niemand ernst, geschlechtsunabhängig. In jungen Jahren habe ich mal einen Poetry-Slam gewonnen, aber meine erste Zeile Prosa war der erste Satz meines Debüts. Da war ich 28 Jahre alt. Davor hatte ich bereits viel Kontakt zu Autoren und Literaturbetriebsangehörigen. Ich habe einige Jahre fürs Literarische Colloquium Berlin gearbeitet und dort vor allem die Erfahrung gemacht, dass der deutsche Literaturbetrieb ziemlich dröge und unglamourös ist und dass es weniger um die Autoren, denn um den Selbsterhalt des Betriebes, um Pöstchen etc. geht. Aber wen mag das wundern?

Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass es einem nicht viel nützt, halbwegs jung und halbwegs attraktiv zu sein, um in der Szene durchzustarten. Das klingt schrecklich eitel, aber so ist es nun mal. Daher ist auch das Argument von Dana Buchzik, dass man „langhaarig und idealgewichtig“ sein muss, um in der E-Literatur“ geduldet zu werden, sicher das unzutreffendste. Denn, Hand aufs Herz, auf welche der vom Feuilleton und den Preisjurys gehätschelten deutschen Autorinnen trifft das zu? Ich möchte niemanden verletzten und nenne daher keine Namen, außer den der fürchterlichen Lewitscharoff, die ja wohl von einer eher spröden Schönheit ist. Vielleicht trifft es für den angelsächsischen Sprachraum zu, dass gutaussehende Autorinnen die vorderen Ranglisten bespielen. Das wäre für mich aber kein Beweis für Sexismus, sondern eher für Fortschrittlichkeit. Denn in diesem miefigen Deutschland wird hübschen, gar mädchenhaften Frauen Intellektualität kaum zugetraut, und wenn, dann immer mit dem Hinweis auf das attraktive Äußere, so als würde sich beides widersprechen. (In der Politik ist es nicht anders, Marina Weisband wird auf ewig die „schöne Piratin“ bleiben.) In irgendeinem gehässigen Blogpost zu meinem Buch war dann auch von meinen blonden Haaren die Rede. By the way: Noch nie hat eine blonde Frau den Bachmann-Preis gewonnen. Vielleicht ist der Literaturbetrieb überhaupt eine der letzten Refugien, wo man als alternde, ergrauende Frau noch wahrgenommen wird. Ich kann also noch hoffen.

Bevor ich gleich den Höllenschlund meines gekränkten Herzens öffne, muss ich Dana Buchzik noch in einem Punkt zustimmen: „Wenn Frauen über Liebe schreiben, platzieren Kritiker sie in die Kitschecke, bei Männern gilt das als besonders einfühlsam.“ Diese Erfahrung musste ich beim Bachmann-Preis machen. Dort wurde mir vorgeworfen, letztlich nicht mehr als eine gescheiterte Liebesbeziehung präsentiert zu haben. (Davon handelt Literatur zuweilen.) Nun ranken sich viele Mythen um die Verisskultur beim Bachmann-Preis. Ästhetische Gründe kann man gleich ausschließen, dafür wird dort objektiv zuviel Mist gelobt. Außerdem hatte Burkhard Spinnen, der zuvor allerlei Unsinn* über meinen Text dozierte, ihn schließlich zum „souveränsten Text bisher“ gekürt. Nach dem niederschmetternden Jury-Urteil war die Ratlosigkeit bei mir und meiner Entourage groß. Aber von Anfang an gab es gleich mehrere Stimmen, übrigens nicht nur von Frauen, die behaupteten, gerade den Männern in der Jury sei der Text komplett gegen den Strich gegangen, schließlich trennt sich in der Geschichte eine Frau nach langem Kampf von einem hyperpotenten Intellektuellen. Einem der Jury-Mitglieder sei dies just kurz vor dem Wettbewerb widerfahren. Das klingt für mich nach wie vor wie Küchenpsychologie, aber vielleicht ist es ja alles so banal. Es ist auch eine leicht verquere Logik, von Kunst zu verlangen, dass sie berührt, dann aber mit gehässiger Abwehr zu reagieren, wenn sie womöglich ins Mark trifft. Meine Mutter hat hinterher gesagt, als sie die Männer in der Jury gesehen hat, war ihr klar, dass ich mit meinem Text durchfallen würde. Dass die Frauen den Männern widersprechen würden, habe sie nicht erwartet. Ich habe ungefähr zehn Mails von Frauen bekommen, die ähnliches gedacht haben. Sehr treffend hat es Katiza auf den Punkt gebracht:

Die Männer in der Jury reagierten verletzt, unmutig und ein wenig ungeduldig wie der Mann in der Erzählung. Sie machten sich an Details fest vom Segeln. „Wie immer, wenn er sprach, war es, als zitierte er Wörter und Wendungen, die er irgendwann in einem langen Repetitorium auswendig gelernt haben musste. Doch mir wurden seine Worte fremd.“ Männer wie Leo.

Es war sicher der falsche Text am falschen Ort.

Ich schreibe diesen Beitrag aber aus einem anderen Grund. Ich schreibe ihn auch, weil ich nicht zu denen gehöre, mit denen Dana Buchzik „für diesen Artikel über ihre Erfahrungen gesprochen hat“. Dabei wäre es für sie ein Leichtes gewesen. Dazu muss man wissen, dass Dana und ich uns schon viele Jahre kennen, wir haben uns einige Zeit sehr vertraute Mails geschrieben, da wir beide ein Leiden teilen (das nichts mit der Literatur zu tun hat). Inzwischen ist Dana eine irrsinnig gute Literaturkritikerin geworden. Ich glaube, ihre Stimme hat bereits jetzt Gewicht. Dass ich mich trotz unserer Bekanntschaft von ihr als Autorin ignoriert fühle, kann man mir als Überempfindlichkeit auslegen, aber es offenbart auch etwas Symptomatisches für die Sozialen Netzwerke. Von den Sozialen Netzwerke kann man heftiger enttäuscht werden, als man es vom Literaturbetrieb je sein könnte. Nein, ich habe nicht erwartet, dass Dana mein Buch bespricht. Aber ich hätte schon gedacht, dass sie bei mir anfragt, wenn sie über ein derartiges Thema schreibt. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sie über die aktuelle Literaturlandschaft schreibt und dazu auch mit Autoren gesprochen hat. Wir sind doch nur einen Klick bei Facebook entfernt. Aber wie ich inzwischen weiß, kann das zugleich die größte Distanz zwischen zwei Menschen ausmachen. Die „digitale Kränkung“ über die Sascha Lobo im Zuge des NSA-Skandals geschrieben hat, deute ich um als Knacken des Selbstwertgefühls, wenn man spürt, dass man kaum wahrgenommen wird. Oder besser: Wenn man spürt, dass einen die Community hängen lässt.

So wie es bei mir nach dem Bachmann-Preis und noch viel schmerzlicher, nach der Roman-Veröffentlichung war. Zur Bekanntgabe meiner Bachmann-Preis-Nominierung hatte ich aufgrund des großen Feedbacks das trügerische Gefühl, den vollen digitalen Support zu haben. Nach der Vernichtung durch die Jury brach plötzlich eine dröhnende Stille herein. Christiane Frohmann sprach gar von einer „digitalen Grabesstille“. Es gab zwar Schützenhilfe, aber bezeichnenderweise nicht von sog. „Freunden“, sondern von Leuten, mit denen ich bis dato kaum Kontakt hatte. Eine der Elite-Twittererinnen hatte direkt nach der Lesung gepostet Wir lieben dich alle, nur um es einige Stunden später wieder zu löschen. Nach dem Erscheinen des Buches gab es einige positive Posts, also öffentliche Anerkennung. Aber weitaus mehr Lob habe ich hinter den Kulissen bekommen: Mails, Direct Messages, Chat-Nachrichten. Eine der bekanntesten deutschen Twittererinnen hat mir eine begeisterte Mail geschrieben. Zu einem Tweet konnte sie sich nicht durchringen. Es ist ein ganz eigentümliches Verhalten, das Lob nur zu flüstern, damit es ja niemand hört. Jeder weiß, dass Aufmerksamkeit die digitale Währung ist. Aber die wird nicht jedem gegönnt. Schon gar nicht, wenn man sog. E-Literatur schreibt. Es gibt nicht wenige Twitterer, die Unterhaltungsliteratur schreiben und offenkundig davon leben können. Wenn also mal wieder ein Komik-Buch erscheint, ist auf Twitter der Teufel los. Da rauschen die Empfehlungstweets im Sekundentakt durch die Timeline. Ich suche ja immer noch schmerzlösenden Erklärungen für diese Tatsachen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die U-Bücher zumeist als Paperback erscheinen und man leichtfertiger 8.99 €, als – wie in meinem Fall – 18,95 € hinblättert. Nun.

Was hat mein Lamento noch mit dem Sexismus-Vorwurf an den Literaturbetrieb zu tun? Man kann die Sozialen Netzwerke sicher als eine Verlängerung des Betriebs sehen. Bloggen, twittern, FB-Postings, all das erzeugt auch eine Öffentlichkeit, also Wahrnehmung. Sicher nicht mit der Reichweite der Longlist des Deutschen Buchpreises, deren Zusammenstellung Dana Buchzik zuungunsten von Autorinnen beklagt. Aber man macht es sich einfach, wenn man allein dem Betrieb den Schwarzen Peter zuschiebt und die Sexismus-Keule schwingt, obwohl man es selbst an der so oft eingeforderten (weiblichen) Solidarität mangeln lässt. Man bräuchte keine Quote, wenn man einfach auf bestehende Netzwerke zurückgreifen würde. Ich bin mir im Klaren, dass das alles höchst subjektiv ist und dass ich auf hohem Niveau maule. Immerhin hat C.H. Beck mein Buch verlegt, das zumeist positiv besprochen und mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet wurde. Daher fühle ich mich auch weniger vom Literaturbetrieb verletzt, als vom Netz, das ich als meine zweite Heimat begreife. Ich habe nicht erwartet, im Netz gefeiert zu werden. Aber dass selbst Blogger, denen ich mich seit Jahren verbunden fühle, stumm geblieben sind, hat einen kleinen Riss in der Seele verursacht. Vielleicht ist es die Prophet-im-eigenen-Land-Problematik. Vielleicht liegt’s am Buch. Vielleicht an mir. Sicher bin ich zu dünnhäutig. Und wer mir jetzt vorwirft, ich sei in meiner Eitelkeit gekränkt, hat sicher noch keine Zeile Literatur verfasst.

Sehr viele Leute, die ins Netz schreiben, haben auch einen Roman in der Schublade. Und letztlich handelt es sich bei Literatur um Business, und jeder muss zusehen, wo er bleibt. Das ernüchternde Fazit lautet also: Im Literaturbetrieb mag es Sexismus und Männerbünde geben, aber in den Sozialen Netzwerken herrscht mitunter eine spezifische Missgunst, die mindestens genauso beschissen ist. Wie soll man es denn auf die Longlist schaffen, liebe Dana, wenn man es nicht mal in die Timeline schafft?

 * So behauptete Burkhard Spinnen in Hinblick auf meinen Text, es gäbe keine Gaffeltakelung an Jollen. Gibt es aber doch! Spinnen mag ein rhetorischer Starkwindsegler sein, aber vom Segeln versteht er offenbar nichts. Das will ich seit einem Jahr klarstellen. So!
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16 Comments

  1. Ich habe gerade ein schlechtes Gewissen. Ich gehöre nämlich auch zu den Menschen, die Stille verbreiten. Zwar habe ich zur Lesung damals ein bißchen getwittert und gebloggt, den Roman dann auch gelesen – es aber seit einem unentschuldbaren Jahr (!) vor mir hergeschoben, darüber auch zu schreiben. Das folgt also noch.
    Damals war ich bei Twitter gerade neu und habe nichts verstanden. Mittlerweile erkenne ich ein paar offensichtliche Demarkationslinien und denke mir meinen Teil. Es ist, wie im „Betrieb“ eben auch, ein feinsinnig zusammengefädeltes Beziehungsgeflecht der Nützlichkeiten. Manche beherrschen das besser als andere, und nicht jeder empfindet den Wind in der Takelage als gleich stark.

    Beidrehen gilt nicht. Immer weitermachen.

  2. Hmm, hmm, hmm. Ich stimme dir in vielen Punkten zu, wie ich auch Danas Artikel in vielen Punkten zustimme. Aber ich habe ein Problem, u.a. mit diesem Satz: „Und wer mir jetzt vorwirft, ich sei in meiner Eitelkeit gekränkt, hat sicher noch keine Zeile Literatur verfasst.“ Na doch, schon, kommt vor. Sicher gehört ein gewisses Maß Eitelkeit zu dem irrwitzigen Unterfangen, anderen Leuten die eigenen Hirnergüsse zuzumuten. Aber die Menge ist je nach Persönlichkeitsstruktur unterschiedlich verteilt. Ich würde nie, nie, nie von jemandem erwarten, dass er mich promotet, nur weil wir uns über Social Media kennen (natürlich freue ich mich wie blöd, wenn es doch passiert).

    Warum denn auch? Social Media ist doch keine Solidaritätsgemeinschaft notleidender Künstler (auch wenn das verdammt schön wäre, liebe Christiane), sondern Bühne, Bühne und nochmals Bühne, dann lange nichts, dann Kontaktbörse, Klagemauer und in seltenen Fällen ein Ort, wo sogar „echte“ Freundschaften entstehen können. Von „echten“ Freunden erwarte ich Unterstützung, aber nur von denen. Für alles andere muss man kämpfen, schlau hinter den Kulissen Dinge einfädeln und wenn man das nicht kann evt. sogar Leute anheuern, die so was können.

    Ich kenne dich nicht persönlich, aber aus ein paar Jahren Social Media-Kontakt habe ich abgeleitet, dass du ein wenig empfindlicher mit Kritik bist. Deshalb war ich in einem Dilemma (und das ist, wie ich glaube, ein für Social Media typisches Dilemma).
    Ich habe deinen Klagenfurt-Auftritt auf Twitter begleitet und promotet (falls ich übrigens die „Elitetwittse“, hihi, war, die was gelöscht hat, das mach ich immer mit alten @Replies, zumindest damals).
    Ich habe auch deinen Roman mit Bild gepostet, aber ich habe keine Rezension geschrieben. Das mache ich eh höchst selten. In deinem speziellen Fall aus folgendem Grund: Ich mochte ihn über weite Strecken sehr, zum Teil aber gar nicht. Ich fand auch den Text, den du in Klagenfurt gelesen hast, ungünstig ausgewählt.
    So. Was tun?
    Schreibe ich eine ehrliche Kritik und riskiere deine Kränkung, gar einen sozialmedialen Kontaktabbruch (was ich schade gefunden hätte, weil ich dich mag)?
    Schreibe ich eine dieser viel geschmähten Gefälligkeitskritiken, wo ich nur auf die positiven Punkte eingehe, um dich zu promoten? So was kann ich nicht.
    Halte ich einfach die Klappe und unterstütze deine Sache einfach so mit Postings wie bisher? Exakt das.

  3. Na, ja, aber Teile Deines Netzwerks haben Dich doch schon vorher nach Kräften gepusht. So kam es dann ja zur Zusammenarbeit mit der Agentur und dem Verlag, oder sehe ich das falsch? Außerdem haben es Comedy-Bücher nicht wirklich leichter auf Twitter. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Es sei denn, Du putzt virtuelle Klinken und fragst direkt. Aber das liegt leider nicht jedem.

  4. Liebe Ute, mir geht es hier nicht darum, mangelnde Promotion einzuklagen. Ich habe versucht, die Erwartungshaltung, die Dana an den Betrieb hat, mit der Situation in den Netzwerken zu spiegeln. Mir scheint, dass du die Social-Media-Spielregeln besser durchschaut hast als ich. Inzwischen bin ich auch schlauer. Aber mal ehrlich, ist, um in einem Tweet erwähnt zu werden, wirklich ein „Kampf“ nötig, muss das „schlau hinter den Kulissen eingefädelt werden“, sind gar „Leute nötig, die so was können.“ Für einen Tweet? Einen kleinen Kommentar im Blog? Puh!

  5. Lieber Jan, ich habe die Kontakte zur Agentur genau einer einzigen Person zu verdanken, nämlich Dir. Und diese Story habe ich letztes Jahr immer wieder erzählt, auf Podien und in Interviews, und stets mit der Erwähnung Deines Namens. Außerdem hat sich Christiane Frohmann immer für mich stark gemacht. Ich habe schon den Eindruck, dass die Wahrnehmungs-Hürden bei Comedy nicht ganz so hoch sind. Ansonsten fehlte mir tatsächlich der Mumm, nachzufragen. Ich hatte eine Liste von Leuten, die ich um Support bitten wollte, aber ich habe es nicht fertig gebracht.

  6. Liebe Anousch, sicher hat jede und jeder einzelne gute Gründe, aber alle zusammen ergeben sie irgendwie ein fragwürdiges Bild. Ich hätte mir das für dich auch anders gewünscht. Nach dem Lesen dieses Beitrags frage ich mich, ob und warum der Wechsel von den digitalen Medien zum Buch die Wahrnehmung so stark verändert, ob es weniger Kontinuitäten und Durchlässigkeit zwischen den Textarten gibt, als wir uns das für Leute wie dich erhofft hätten. Vielleicht ist es Missgunst, vielleicht hast du auch einfach die Liga gewechselt. Vielleicht fehlt es auch am Wissen, welche Art der Unterstützung es für diesen Wechsel braucht. Viele haben ihn ja noch nicht geschafft.

  7. Liebe Anousch,
    nein, für einen Tweet ist das alles nicht nötig, wohl auch nicht für einen Blogpost. Aber der eine Tweet oder Blogpost bringt dir keine Auflagen, keine Literaturpreise, keine Beachtung außerhalb deiner Blase. Er wird den Zusammenhalt des kleinen Kreises an Gleichgesinnten stärken, zu denen du gehörst. Außer er trifft gerade irgendeinen magischen Nerv und die Sache verbreitet sich viral. Das passiert selten. Wie man das bewusst induziert? Keine Ahnung. Frag die Macher dieser Videos, vor denen wir immer heulend sitzen, wo auf Flughäfen plötzlich alle zu singen anfangen und man das Verlangen bekommt, eine bestimmte Fluglinie zu buchen.
    Also. Meine Meinung: Willst du als Künstler Erfolg, brauchst du eine fette Menge Glück und du musst um Aufmerksamkeit kämpfen. Mit allen Mitteln, die du anwenden kannst und willst. Je weniger Glück, desto mehr kämpfen. Wenn du nicht kämpfen kannst oder willst, beklag dich nicht. Oder beklag dich so laut, dass die Jauchs dieser Welt nicht anders können, als dich in ihre Talkshows einzuladen und alle das Buch von dieser kämpferischen, eloquenten, blonden (!) Frau kaufen wollen.

  8. Liebe Nuss, der Witz ist ja: es bräuchte gar nicht viel, das mit der Unterstützung im Netz ist doch ein Kinderspiel. Wenn man von jemanden, der 20.000 Follower hat, eine DM bekommt, statt eines Tweets, dann fragt man sich schon, ob derjenige vielleicht um seine Reputation fürchtet. Lieber versteckt loben, als womöglich was zu riskieren, womöglich den eigenen Coolness-Faktor.

  9. Liebe Ute, nochmal, ich habe nicht erwartet, dass ich via Internet zur Weltbestseller-Autorin werde. Mir ging es in diesem speziellen Fall ja gerade um „den Zusammenhalt des kleinen Kreises an Gleichgesinnten“, den ich vermisst habe. Und überhaupt: Ich möchte nie, nie wieder ins Fernsehen. Wenn der mangelnde Ruhm einen Vorteil hat, dann den, dass man nicht ins Fernsehen muss.

  10. Noch eine persönliche Anmerkung: Ich muß Ute Weber in vielen Punkten zustimmen, finde diesen Umstand zugleich aber beklagenswert. Denn im Grunde sagt sie ja, daß Blogs, Twitter und Co. eben doch nichts weiter als PR-Tools sind, die es zu bespielen gilt. Und wer nicht die (wieder einmal auch ökonomische) Potenz besitzt, sich professionelle Assistenz „anzuheuern“, muß eben selbst gut auf der Klaviatur spielen können. „Spiel das Spiel, und du gewinnst.“ (Und ansonsten gilt: Sprich nie über den Fight Club und stelle den Betrieb nie bloß.)

    In ihrer voraussetzunglosen Art trugen Blogs und Socal Media für mich ursprünglich ein anderes Ideal in sich: Nämlich Dinge probieren zu können, für die man sonst genau diesen „Betrieb“, seine Beziehungen oder eben simple ökonomische Macht benötigt hätte. Eigene Netzwerke zu bilden, dabei persönlich sein zu können, meinetwegen pathetisch, peinlich, ungewöhnlich, immer mutig. Solche sehr offenherzigen, ehrlichen Beiträge wie diesen von Anousch aber liest man in Blogs zuletzt viel zu selten. (Und ich bin pikiert darüber, daß es gleich auch wieder Häme dafür gab.) Weil wir gelernt haben, uns nicht zu exponieren. „Wem es am Herd zu heiß ist, soll nicht in die Küche gehen“, heißt es eher überheblich, bis man selbst mal Unterstützung braucht. Weil eben Social Media Ökonomie geworden ist und ein Spiel, das man spielen können muß.

    Es gibt (nach, wie ich meine, anfänglichen Jahren größeren unbefangenen Zusammenhalts) leider wirklich zu oft Opportunismus, der (zum Glück nur ganz, ganz, ganz wenige) Blogger erstmal schauen läßt, wie sich denn GroßbloggerXY zur Causa geäußert hat, ehe sie sich aus der Deckung wagen. Um dann gegebenenfalls zu löschen, zu editieren, zu schweigen. Ist alles sehr menschlich, aber diese Erfahrung muß man eben halt auch erst machen. Und verdauen. Mich stören eher (und damit meine ich nicht Ute Weber) überhebliche Kommentare von „Abgeklärten“, die den Betrieb und Klagenfurt und das große, soziale Überhaupt halt schon immer durchschaut hatten.

    Ich hingegen bin da ganz bei Schlingensief, der sagte: „Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund.“ Anousch hat es in meinen Augen daher genau richtig gemacht, schon der eigenen psychischen Hygiene wegen, und ich wünschte, mehr Blogger hätten diesen Mut. Und eben die Solidarität.

    Sensibilität wäre im Übrigen selbstverständlich ungefähr das letzte, was ich Anousch absprechen würde. Im Umgang mit Kritik aber habe ich sie zum Beispiel anläßlich meines Bogbeitrags zur Lesung in Klagenfurt als überaus souverän und freundlich erlebt. (Dafür wäre ich auf Twitter/in Blogs dreimal geblockt, entfollowed, von der Blogroll geworfen und von Ehemännern mit Shitstorms überzogen worden. Möglicherweise sogar zurecht.)

    Rock on, Anousch.

  11. Pingback: Auf ein unliterarisches Wochenende, 34. KW | literaturundfeuilleton

  12. aufmerksamkeitsökonomie wider der kunst. es lässt sich nicht verhindern, dass twitter & co. für das genutzt werden, für das es erdacht wurde: ein plattform zu sein für bezahlte, gewinnbringende werbung. dazwischen hat sich aber eine nische entwickelt, die sogenannte timeline, die man un-
    bekümmert für ehrlichste gedanken nutzen kann, wenn nicht eine konkuriernede gewinnabsicht dahintersteckt. die konkurrenz schläft nie. das ist nunmal diesem kapitalismus geschuldet, in dem wir mehr oder weniger gewollt, leben. der gewinn von twitter, blogs und anderen foren ist, dass es sie gibt; das ist noch nicht allzulange her. ein weiteres plus ist, dass es eine publikum gibt – dass dich so akzeptiert wie du bist…und das wichtigere, es intergaiert mit dir. es entsteht diskussionskultur, das gleichberechtigte nebeneinander von mitteilenswerten gedanken.

  13. Pingback: Auf ein unliterarisches Wochenende, 34. KW |

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