Laudatio

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Buch

Hans-Martin Gauger

Laudatio auf Anousch Mueller anlässlich der Verleihung des Jürgen Ponto-Preises für ihren Roman „Brandstatt“  im Literaturhaus in Frankfurt am 5.Dezember 2013

Verehrter Herr Dr. Röller.

Verehrte Preisträgerin,

Verehrte Anwesende,

Anousch Mueller, die heute hier im Mittelpunkt steht, wurde im Jahr 1979 in Erfurt geboren. Übrigens wird sie am kommenden Sonntag ihren 34. Geburtstag feiern. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer beider Kind, einem Jungen, in Berlin. Sie hat zuvor in Potsdam jüdische Studien getrieben und abgeschlossen; in Berlin hat sie danach „Neuere Deutsche Literatur“ studiert und ebenfalls abgeschlossen und zwar mit einer Arbeit über Adalbert Stifter. Beide Abschlussarbeiten erhielten die Note eins, eine Note, die Ihnen heute, liebe Frau Mueller, auch das Kuratorium der Jürgen Ponto-Stiftung erteilt, was hier konkret heißt, dass wir unter den nicht wenigen Texten, die uns von einer ganzen Reihe von Verlagen zugesandt wurden, gerade Ihren als besonders überzeugendes Debut ausgewählt haben.

Anousch Mueller selbst schreibt in ihrem „Blog“ (denn sie hat einen „Blog“), das Jahr 2012 sei für sie wichtig gewesen. Das heißt: sie sagt es anders, netter, weiblicher: „Ich mochte das Jahr 2012. Sehr“. Da habe sie, erklärt sie, drei Dinge zum ersten Mal gemacht: „Kind bekommen, Mann geheiratet, Buch vollendet“. Das ist also ihre Reihen- oder auch ihre Rangfolge: Kind, Mann, Buch – sie lässt sich vertreten.

Es ist nicht leicht, meine Damen und Herren, den Roman „Brandstatt“ einzuordnen. Für die Presse habe ich – als Begründung für den Jürgen Ponto-Preis – geschrieben (und Arnold Stadler war damit einverstanden): „Eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst, eine realistische Liebesgeschichte unserer Zeit: lebendig, genau, sprachmächtig, bewegend“. Zu dieser unvermeidlich knappen Zusammenfassung stehe ich, nach erneuter Lektüre, auch jetzt.

Also was die Liebesgeschichte angeht: es sind zumindest zwei Geschichten, zwei größere, und beide verlaufen unbefriedigend, und es ist die Erzählerin, die aus ihnen flieht: sie trennt sich von Leo und von Jan. Aber ‚unbefriedigend’ ist hier zu schwach als Ausdruck. Die Erzählerin selbst – die Erzählerin, nicht die Autorin, die heute vor uns sitzt – die Erzählerin also spricht, deutlich genug, vom „Verlust des Phantoms namens Liebe“. Dies geht nun weit. Aber gut: dies ist auch ein Roman der Ernüchterung. Ganz am Ende des Romans, auf der vorletzten Seite, taucht ein weiterer männlicher Name auf: der Mann, kaum konkretisiert, heißt Hannes Maaß, und er wird von der Erzählerin als „mein Liebhaber“ gekennzeichnet. Und wir erfahren immerhin – es ist Winter, und wir sind an der Ostsee –, dass die beiden, Hannes also und die Erzählerin, die Annie Veit heißt, „in den kalten Winternächten einander die Wärme vom Körper des anderen raubten“. Also, da ist etwas, das, „Phantom“ oder nicht, mit Liebe zu tun haben muss.

Und dann folgt eine schöne Naturschilderung, mit welcher der Roman endet. Bei dieser Schilderung haben Arnold Stadler und ich an Adalbert Stifter gedacht, und vielleicht wären wir auf diesen Dichter auch dann gekommen, wenn wir nichts von der akademischen Abschlussarbeit über Stifter gewusst hätten, die Anousch Mueller geschrieben hat. Aber zuweilen greifen das Akademische und das Literarische (und dieses gehört hier zum Leben) doch ineinander. Ich lese vor:

„Gegen Mittag rückten riesige Wolkenschleppen heran. Sie schienen nicht weiterzuwandern, sondern blieben wie zu einer Versammlung. Am Nachmittag war es, als wäre eine schmutzig weiße Wolldecke über den Himmel geworfen. Doch jetzt begann der Wind, Risse in die feste Schicht zu peitschen. Die Wolken trieben in langen Fetzen auseinander. Immer größer wurden die Lecks. Der Sturm verschaffte sich Platz. Ich öffnete das Fenster und war in Wind und Regen. Ich atmete so tief ein, dass sich die Schmetterlingsbrosche auf meiner linken Brust wie zum Abflug hob. Ich sah ein Leuchtfeuer, sah heimkehrende Schiffe und dachte ‚Was für ein Tag!’“

So also endet der relativ schmale Roman – mit einem „Naturausgang“, wie man dies in der Literaturbetrachtung nennt: es gibt „Natureingänge“ und „Naturausgänge“. Also hier, in diesem Schluss, ist doch, nach allem Negativem, das war, leicht angedeutet, etwas Positives: die Schmetterlingsbrosche, die sich wegen des intensiven Atmens hebt und zwar „wie zum Abflug“, das „Leuchtfeuer“ in der Ferne, die „heimkehrenden Schiffe“, und dann noch dieser hier doch klar zustimmende Gedanke „Was für ein Tag!“

Ich sprach von einem relativ schmalen Roman. Die angelsächsischen Kritiker haben die Kategorie „short story“, die „Kurzgeschichte“; sie unterscheiden dann aber zusätzlich – und das ist subtil – zwischen „short long stories“ und „long short stories“ oder gar „shorter long stories“ und „longer short stories . Also dieser Roman „Brandstatt“ ist eher, meine ich, eine kurze Langgeschichte als eine lange Kurzgeschichte, eher eine „short long story“ als eine „long short story“.

Zunächst also ein Liebesroman, oder besser ein Roman, in dem es bis zum Schluss, bis zu dem nur angedeuteten Hannes Maaß, um Liebe geht. Vor allem, wie gesagt, geht es um zwei Lieben. Eigentümlicherweise hat das Wort Liebe keinen Plural, das Deutsche setzt Liebe nicht in den Plural: I had three great loves in my life, J’ai eu dans ma vie trois grandes amours, He tenido en mi vida tres grandes amores – englisch, französisch, spanisch ganz normal. Aber Lieben – so etwas in der Wirklichkeit dermaßen Normales geht deutsch sprachlich –  nur sprachlich, versteht sich – nicht. Liebe also nur im Singular: es ist unsere Sprache selbst, die hier unrealistisch ist. Und übrigens: drei ‚Liebesgeschichten’ oder gar ‚Liebesaffairen’ sind etwas anderes als drei ‚Lieben’.

Ein Roman der Liebe also und Liebe als Selbstfindung. Jedenfalls geht es auch um Selbstfindung, um Suche jedenfalls nach sich selbst. Eine junge Frau, sagte ich, die Erzählerin, sucht sich selbst. Und sie tut dies auch noch, natürlich, in ihrem Erzählen. Da ist in ihr eine beträchliche Unruhe in dieser Hinsicht – von Anfang an. Und früh, kaum hat sie aufgehört, ein Kind zu sein, ist bei ihr auch sexuelle Erregbarkeit oder einfach Neugier. Und da geht es nun gleich um etwas Starkes, Außergewöhnliches: ihr erotisches Interesse richtet sich auf den Mann, welcher der Liebhaber ihrer Mutter gewesen und eines Tages fortgegangen und einfach nicht wiedergekommen war: Jan Pajak. Die Erzählerin ist schließlich nicht einmal ganz sicher, ob dieser ziemlich virile Mann nicht gar ihr Vater ist. Jetzt also war Jan Pajak wieder zurückgekommen – in jenes etwas unheimliche, etwas außerhalb des Orts liegende Gehöft, das ihm gehörte und das man seit jeher „Brandstatt“ nannte: da war (daher der Name) im Jahr 1876 ein Brand gewesen, der vermutlich auf den Bauern selbst zurückging (den fand man erhängt in dem Haus, nachdem sich das Feuer gelegt hatte). Aber die kleine Annie hat keine Angst, und Jan Pajak wird ihr erster Liebhaber. Aber Jan Pajak wird auch – und da wird es noch unheimlicher – mit dem Verschwinden eines Mädchens aus dem Dorf in Zusammenhang gebracht (sie heißt oder hieß Lydia Noll und ist plötzlich weg). Das Dorf beschuldigt oder verdächtigt keinen anderen als Jan Pajak. Und der verschwindet dann auch. Das war Sommer 93. Sechzehn Jahre später, Sommer 2009, trifft Annie, ohne dass er sie erkennt oder hätte erkennen können, in der Friedrichstraße in Berlin unversehens Jan Pallak wieder. Sie also erkennt ihn augenblicklich, er ist aber dann sogleich im Gewimmel verschwunden. Es ist wie eine Verwundung, und augenblicklich erwacht diese Geschichte in ihr erneut. Da war sie aber schon länger mit Leo Lawinky liiert, einem Intellektuellen, der ihr imponiert wegen seiner privaten und öffentlichen Gewandtheit, seiner Selbstsicherheit, und natürlich ist er auch ein Gesellschaftslöwe – insgesamt aber ein Schnösel. Ihr Verhältnis zueinander ist einigermaßen monothematisch –  ein ‚Verhältnis’ eben, stark sexuell bestimmt, ohne Liebe. Aber Leo kann auch, erstaunlich für einen Professor (aber so etwas kommt vor und neuerdings sicher eher als früher), hervorragend kochen. Was aber bei ihr so durch den Magen geht, erzeugt natürlich auch, weil dieser Mann halt so ist wie er ist, keine Liebe. Im Gegenteil: bei ihr ist wachsender Groll. Kurz, die Evokation der Figur Leo Lawinky ist eine eindrucksvolle Satire und der Roman wird hier durchaus auch etwas lustig.

Nun aber kommt ein Weiteres herein: „Brandstatt“ ist nicht nur ein Roman, in dem es meist um Liebe geht. Das Buch ist auch eine Kriminalgeschichte, denn die Aufdeckung des Verschwindens der schönen Lydia Noll bleibt ein Thema – fast bis zum Schluss. Klar ist am Ende aber nur, dass Jan Pajak an ihrem Verschwinden nicht beteiligt war. Annie reist mehrmals in detektivischer Absicht in ihr Dorf zurück. Sie will Klarheit – über Lydias Verschwinden, wie auch zuvor über das, was zwischen Jan Pajak und ihrer Mutter war.

Dann, drittens, ist „Brandstatt“ ein Stück weit auch ein DDR-Roman – zwar liegt da wirklich nicht der Nachdruck, aber zumindest für einen wie mich, und so gibt es ja viele, einen also, der im Westen lebte, nirgendwoher als Kind nach 45 geflohen ist und ‚drüben’ auch keine Verwandten hatte, für so einen wirkt Anousch Muellers Buch unwillkürlich doch auch als DDR-Erzählung – als Blick in eine sehr andere Welt. Die Autorin, 1979 geboren, hat ja auch die ersten zehn Jahre, also, sagen wir, als Kind vier oder fünf Jahre bewusst ln der DDR gelebt. Ebensoviele Jahre habe zum Beispiel ich noch vom Krieg und von der Nazi-Zeit erlebt, und nicht Weniges ist mir davon sehr gegenwärtig. Und dann war ja die DDR, psychologisch betrachtet, nicht mit dem Jahr 1989 einfach weg. So gesehen ist sie ja sogar heute noch immer ein wenig da – und oft gar ein wenig sehr. Es ist immer wieder überraschend: seit 1989 sind nun vierundzwanzig Jahre vergangen, also doppelt soviele Jahre als die ganze Nazi-Zeit gedauert hat. Trotzdem sind diejenigen, die diese fatalen und wie unauslöschlichen zwölf Jahre oder einen Teil von ihnen erlebt haben, immer wieder erstaunt, weil Zeit ist nicht gleich Zeit ist und sie den Eindruck haben, die Zeit zwischen 33 und 45 sei länger gewesen als die zwischen 89 und heute. Vor allem ist die DDR in diesem Roman in all dem lebendig, was die Erzählerin über die Eltern und die Großeltern erzählt oder sehr gekonnt und oft auch lustig evoziert: die Mutter arbeitet nach der Wende gar nichts mehr, freut sich, dass sie dies alles los und nicht mehr vermittelbar ist, der Vater, vorher in der Landwirtschaft tätig, sehr geschickter Handwerker, technisch versiert und interessiert, stellt sich nun um, wird rasch zu einem in seiner Umgebung viel gesuchten und gefragten Computerspezialisten, die sympathischen Großeltern schließlich reisen nur noch im südlichen Europa herum und freuen sich, früher nicht Mögliches nachholend, ihres Alters.

Also die Sache mit Leo endet, aber sie endet mit einem Zusammenbruch Annies – sie endet in einer psychosomatischen Klinik oder, wie sie selbst sagt, in der ‚Klapse’. Die Schilderung dieses Aufenthalts ist so bedrückend wie realistisch: „Die Psychiatrie“, lesen wir da, „ist der große Gleichmacher. Ob vom Alkoholismus das Gehirn bereits zu Brei geworden ist oder ob noch Restreflexe des akademischen Habitus vorhanden sind, am Ende sitzen alle im Kreis und schlagen Klanghölzer. Beschäftigungstherapien sind die wirklichste Wirklichkeit. Hier ist jeder bei sich und zwar nur noch bei sich. Es gibt keine ehrlicheren Äußerungen als das lustlose Schlagen einer Triangel“. Am Ende ihres Aufenthalts notiert sich die Erzählerin drei Sätze  aus einem Büchlein über Zen-Buddhismus, das sie dort in der Bibliothek findet. Aber sie bleibt auch gleich hängen – „es traf mich voller Wucht“ – am ersten Satz des Autors: „Ich würde gerne irgendetwas anbieten, um dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts“. Und dann schreibt sie sich diese drei Sätze ab: “Wer nicht siegen will, kann nicht verlieren, danach „Wenn du in einem Loch sitzst, musst du zuerst mit dem Graben aufhören, schließlich „Auf das Glück warten ist dasselbe wie auf den Tod warten“. Dazu sagt die Erzählerin nur: „Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Mehr braucht niemand zu wissen“.

Annie gesundet, kommt, wie es sehr richtig heißt, wieder zu sich und, eine ebenfalls anschaulich zutreffende Wendung unserer Sprache, ‚in die Höhe’. Sie forscht dann auch in der Sache Lydia Noll detektivisch weiter, trennt sich definitiv von Leo, trifft tatsächlich wieder, auch via Internet, mit Jan Pajak zusammen, zieht zu ihm in sein idyllisch gelegenes Häuschen außerhalb Berlins. Aber so wie sie an Leo dessen arrogante Unverbindlichkeit störte, stört oder verstört sie nun zunehmend bei Jan das Schweigen, seine Weigerung, die Wahrheit, seine Wahrheit zu sagen. Und unheimlich wird er ihr, als sie erfährt, dass er bei der Fremdenlegion war. So etwas, meint sie zu Recht, hätte er ihr doch irgendwann sagen müssen. Sie setzt sich ab auch von ihm – nach Norden, und danach endet der Roman rasch. Und am Ende, wie angedeutet, geht der Blick der jungen Frau immerhin ins Offene, und es ist ein Blick gemeinsam mit einem anderen, mit Hannes Maaß.

Also ein Liebesroman, doch in einem eher destruktiven Sinn, daher sagte ich ‚realistisch’, ein Roman der Selbstsuche, etwas wie ein Bildungsroman gar, dann ein detektivischer Roman, wenngleich gar  nicht der Typ, natürlich nicht, des Kriminalromans, ein DDR-Roman nebenher auch, selbst wenn die Autorin meint, dies sei er nicht (aber da sind die Eltern, die Großeltern, nicht zu vergessen der Onkel Achim, der Schornsteinfeger, und seine unsympathische Frau, die Tante Hertha), schließlich ein Zusammenbruch, ein langsames Wiederzusichkommen und die angedeutete Möglichkeit – mehr nicht – eines Heraustretens aus dem Bisherigen – „Was für ein Tag!“

Der Roman ist ganz klar eine Ich-Erzählung. Annie Veit erzählt, das heißt: Anousch Mueller lässt Annie Veit erzählen. Man muss ja (ich habe es getan) klar unterscheiden zwischen dem realen Autor und dem Erzähler, der immer etwas Fiktives, seinerseits Erzähltes hat. Hier aber hat man den schwer abzuweisenden Eindruck, dass Autorin und Erzählerin enger beieinander sind als sonst. Offensichtlich ist in dem Roman nicht wenig Selbsterlebtes. Aber dies ist für die Beurteilung egal. Ich sage ja nicht, es gebe an diesem Debut-Roman nichts zu kritisieren, sicher aber ist er ein sehr authentisch wirkender Roman: da will nicht jemand unter allen Umständen etwas Originelles machen, da wurde etwas geschrieben, das so geschrieben werden musste, da ist nichts krampfig Ausgehecktes, da war einfach, wie immer es zustandekam,  etwas da. Und formal ist der Roman auch nicht speziell modern. Allerdings gibt es in ihm die verschiedenen Zeitschichten, die in der erinnernden Erzählung ineinander geschoben werden, somit keine feste Chronolgie, vielmehr ist hier alles immer gleichzeitig präsent: Sommer 1993, als erstens Lydia Noll mysteriös und bedrohlich verschwand und zweitens Jan Pajak Annies „erster Liebhaber“ wurde, wie sie selbst sagt, dann, mitten in der Zeit mit Leo, sechzehn Jahre später, die überraschende, elektrisierende Wiederbegegnung mit Jan, das rasche Aneinandervorbeilaufen in der Friedrichstraße in Berlin, dann die detektivsichen Besuche Annies in ihrem elterlichen und großelterlichen Dorf bei Erfurt, bei denen jeweils die Kindheit wieder ersteht. Also dieses Beieinander verschiedener Zeitschichten, diese Synchronie oder Synchronizität, war ein Problem für die erzählen lassende Autorin, das sie gelöst, das aber auch der Leser  bewältigen muss.

Ich komme zurück auf die Adjektive, mit denen ich begonnen habe. Realistisch in der Tat: das Buch bleibt am Boden, es ist unromantisch, in ihm ist viel Desillusion. Lebendig: da meine ich die Schreibweise, die Art, wie dies erzählt wird, nichts Aufgesetztes, vielmehr dem Leben entsprechend – auch insofern übrigens als das Buch immer wieder munter, ja komisch sein kann, wenngleich stets auf dem Moll-Hintergrund des Ganzen. Mit dem Adjektiv genau meinte ich vor allem die unzimperliche Evokation des Erotischen, des Sexuellen (sehr weithin geht es hier ja um das letztere, obwohl diejenige, die im Roman ‚ich’ sagt, das erstere will); unzimperlich passt ganz sicher, aber insistierend ist der Roman in diesem Punkt auch nicht. Dann sprachmächtig: also die Sprache dieses Romans ist zuweilen so, dass sie aufrauscht, dass sie reich wird, sie ist aber auch realistisch, bleibt oft ganz nahe am Alltag, ist fast immer knapp und wie aufgerauht, auch mit Einbrüchen, die sein dürfen, insgesamt aber eine schöne Sprache, gerade auch darin, dass sie angemessen ist. Schließlich bewegend: das ist die Wirkung auf den Leser – bewegend ist da vor allem die Geschichte der unerschrockenen Annie selbst, aber auch Jan Pajak bewegt uns sympathisch  denn er ist ja doch ein rechter Kerl, dann der ohnehin sympathische Vater der Erzählerin und auch ihre Mutter, die der Tochter doch noch mitteilt, nachdem sie ihr gesagt hat, sie möchte sie nicht wiedersehen, dass derjenige, den sie für ihren Vater hält, dies auch tatsächlich ist.

Kurz, liebe Anousch Mueller, Sie haben, meine ich (und ich meine es zusammen mit Arnold Stadler oder er meint es zusammen mit mir, und so meint es auch das Kuratorium der Jürgen Ponto-Stiftung), Sie haben, sage ich, diesen Preis, der zum Gedenken an Jürgen Ponto geschaffen worden ist, wahrlich verdient. Ganz leicht wird es nicht sein für Sie, den zweiten Roman zu schreiben. Lassen Sie sich Zeit! Andererseits aber: nicht allzu viel! Ich denke, Sie werden es schaffen. Herzliche Gratulation für diesmal! Und Ihnen allen, meine Damen und Herren, die Sie hierher gekommen sind, Dank fürs Zuhören! Ich hoffe, ich konnte Sie dazu anregen, „Brandstatt“ von Anousch Mueller zu lesen.

 

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Dr. Hans-Martin Gauger.

 

 

 

 

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